FOLIO I · DENKER · GEN. 04 · N° 068

Alfred Schütz

Werke
3
Artikel
43
Generation
4.
Porträt von Alfred Schütz
FOL. 04 · N° 068 · Alfred Schütz
BIOGRAPHIE

Leben und Werk

Alfred Schütz wuchs als Sohn eines Bankbeamten in Wien auf. Nach Notmatura 1917 und Kriegsdienst an der italienischen Front studierte er ab 1918 Rechts- und Sozialwissenschaften an der Universität Wien. Zu seinen Lehrern zählten Friedrich von Wieser und Ludwig von Mises in der Nationalökonomie, Hans Kelsen in der Rechtsphilosophie und Felix Kaufmann in der Wissenschaftstheorie. 1921 wurde er zum Dr. iur. promoviert, mit Kelsen als Hauptprüfer. Sein Doppelleben begann 1921: tagsüber Sekretär der Österreichischen Bankenvereinigung, ab 1927 Prokurist und Chefjurist bei der Privatbank Reitler & Co.; abends und nachts Philosoph und Sozialtheoretiker. Husserl prägte später das Diktum vom „Bankier bei Tag, Philosoph bei Nacht“. In Wien gehörte Schütz zu den seltenen „Zirkel-Wanderern“: Gründungsmitglied des 1921 von Hayek und Furth ins Leben gerufenen Geistkreis, regelmäßiger Teilnehmer am Mises-Privatseminar in der Wiener Handelskammer und Diskutant im Kelsen-Seminar. Aus diesen Jahren stammen lebenslange Freundschaften, vor allem mit Eric Voegelin und Fritz Machlup. 1932 erschien sein Hauptwerk „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Husserl reagierte begeistert, lud ihn nach Freiburg ein und bot ihm eine Assistentenstelle, die Schütz aus familiären Gründen ablehnte. Zwischen 1932 und 1937 reiste er wiederholt zu Husserl. Der „Anschluss“ 1938 zwang ihn ins Exil: zunächst nach Paris als Rechtsberater der dortigen Reitler-Filiale, am 14. Juli 1939 weiter nach New York. Dort führte er die Tätigkeit für Reitler & Co. fort und übernahm 1943 zusätzlich eine Lehrbeauftragung an der New School for Social Research. 1944 wurde er Visiting Professor, 1952 Ordinarius für Soziologie und Sozialpsychologie sowie Vorsitzender des Philosophischen Departments. 1939 gehörte er zu den Mitgründern der International Phenomenological Society und ab 1940 zu den Herausgebern von Philosophy and Phenomenological Research. Schütz starb 1959 in New York. Sein Spätwerk „Strukturen der Lebenswelt“, postum von Thomas Luckmann vollendet, erschien 1975.
Metadaten
13. April 1899
in Wien, Österreich-Ungarn
20. Mai 1959
4. Generation
Lebensstationen

Stationen

  1. 1917
    1917
    Notmatura, Esterhazy-Gymnasium

    Reifezeugnis im Kriegsjahr 1917, vor dem Einrücken zur Artillerie an der italienischen Front.

  2. ⁦1918–1921⁩
    ⁦1918–1921⁩
    Rechts- und Sozialwissenschaften, Universität Wien

    Studium der Jurisprudenz, Ökonomie und Soziologie bei Wieser, Mises, Kelsen und Kaufmann.

  3. 1921
    1921
    Dr. iur., Universität Wien

    Promotion mit Hans Kelsen als Hauptprüfer; als Kriegsteilnehmer von der Dissertationspflicht befreit.

  4. ⁦1921–1927⁩
    ⁦1921–1927⁩
    Sekretär der Österreichischen Bankenvereinigung

    Brotberuf parallel zum Aufstieg in den Wiener Diskussionszirkeln.

  5. ⁦1927–1938⁩
    ⁦1927–1938⁩
    Prokurist und Chefjurist bei Reitler & Co.

    Leitende Position in der Wiener Privatbank mit internationalem Geschäft. Husserls Diktum dazu: Bankier bei Tag, Philosoph bei Nacht.

  6. ⁦1938–1939⁩
    ⁦1938–1939⁩
    Rechtsberater bei der Pariser Reitler-Filiale

    Erste Exilstation nach dem Anschluss und der nationalsozialistischen Übernahme der Wiener Bank.

  7. ⁦1939–1952⁩
    ⁦1939–1952⁩
    Counsel bei Reitler & Co., New York

    Ankunft am 14. Juli 1939; Fortsetzung der bankjuristischen Tätigkeit parallel zur akademischen Karriere.

  8. ⁦1943–1944⁩
    ⁦1943–1944⁩
    Lehrbeauftragter, New School for Social Research

    Beginn der akademischen Karriere an der University in Exile mit Soziologie- und Philosophie-Lehre.

  9. ⁦1944–1952⁩
    ⁦1944–1952⁩
    Visiting Professor, New School for Social Research

    Ausbau der Lehre an der Graduate Faculty bei fortgesetzter Banktätigkeit.

  10. ⁦1952–1959⁩
    ⁦1952–1959⁩
    Ordinarius für Soziologie und Sozialpsychologie, New School

    Voll-Professur und Vorsitz des Philosophischen Departments; Aufgabe der Banktätigkeit.

  11. 1959
    1959
    Tod in New York

    Stirbt am 20. Mai 1959, das Lebenswelt-Hauptwerk unvollendet.

Beziehungen

Beeinflussungen

Beeinflusst von · 5
  1. ⁦1918–1921⁩
    ⁦1918–1921⁩

    Akademischer Lehrer in der Nationalökonomie an der Universität Wien während des Studiums.

  2. ⁦1918–1934⁩
    ⁦1918–1934⁩

    Lehrer im Studium und prägender Diskussionsleiter im Privatseminar; vermittelte Schütz die Brücke von der Grenznutzenökonomie zur Handlungstheorie.

  3. ⁦1918–1921⁩
    ⁦1918–1921⁩

    Wissenschaftstheoretischer Lehrer im Studium; später langjähriger Mitstreiter im Mises-Privatseminar und Geistkreis sowie phänomenologischer Mitarbeiter.

  4. ⁦1921–1921⁩
    ⁦1921–1921⁩
    Hans Kelsen⁦(1881–1973)⁩ · Wiener Rechtstheorie

    Kelsen war Hauptprüfer bei der Promotion zum Dr. iur. 1921; Schütz war als Kriegsteilnehmer von der Dissertation befreit.

  5. ⁦1932–1938⁩
    ⁦1932–1938⁩
    Edmund Husserl

    Korrespondenz und wiederholte Besuche in Freiburg 1932–1937; Husserl bot Schütz eine Assistentenstelle an, die dieser aus familiären Gründen ablehnte.

Alfred Schütz im Kontext der gesamten Schule: fünf Generationen, ihre Lehrer-Schüler-Linien, Zirkel und Kollegenschaften.

WERKVERZEICHNIS · CHRONOLOGISCH

Die Bücher

1930er
1932
Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie
OriginalDeutsch
1960er
1962
Collected Papers I: The Problem of Social Reality
OriginalEnglisch
1970er
1975
Strukturen der Lebenswelt
OriginalDeutsch
ARTIKEL · 43 VERZEICHNET

Aufsätze, Rezensionen, Vorträge

1920er
1927
Besteuerung der Kapitalserträgnisse im zwischenstaatlichen Verkehr zwischen Deutschland und Österreich
OriginalDeutsch
1930er
1932
[Rezension zu Edmund Husserl: Méditations Cartésiennes]
OriginalDeutsch
1933
[Rezension zu Edmund Husserl: Formale und transzendentale Logik]
OriginalDeutsch
1934
[Rezension zu Ludwig von Mises: Grundprobleme der Nationalökonomie]
OriginalDeutsch
1937
Tomoo Otakas Grundlegung der Lehre vom sozialen Verband
OriginalDeutsch
1940er
1940
Editor’s Preface [zu Edmund Husserl: Notizen zur Raumkonstitution]
OriginalEnglisch
1941
William James’ Concept of the Stream of Thought Phenomenologically Interpreted
OriginalEnglisch
1942
Scheler’s Theory of Intersubjectivity and the General Thesis of the Alter Ego
OriginalEnglisch
1943
The Problem of Rationality in the Social World
OriginalEnglisch
1944
[Review of Marvin Farber: The Foundation of Phenomenology]
OriginalEnglisch
APA
Chicago
Deutsche historische Zitierweise